Deutschland seit 1945
Bundestag
Wahlen der Bundeskanzler und Konstruktive Misstrauensvoten


Das Verfahren bei der Wahl der Bundeskanzler, den Abstimmungen über ein Konstruktives Misstrauensvotum im Deutschen Bundestag und der "Vertrauensfrage"
Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland (GG) kennt insbesondere zwei Verfahren für die Wahl zum Bundeskanzler. In den Ergebnis-Tabellen sind sie mit den Buchstaben A für die Kanzlerwahl und B für das Konstruktive Misstrauensvotum gekennzeichnet.

Kanzlerwahl Zum einen kann nach Art. 63 Abs. 1 GG der Bundespräsident dem Bundestag einen Kandidaten für das Amt des Bundeskanzlers vorschlagen. Der Kandidat ist nach Art. 63 Abs. 2 GG als Bundeskanzler gewählt, wenn die Mehrheit der Mitglieder des Bundestags (MdB) in geheimer Abstimmung diesem Vorschlag des Bundespräsidenten zustimmt, also in der Abstimmung mit "Ja" stimmt.
Bisher wurde jeder nach diesem Verfahren vorgeschlagene Kandidat auch zum Bundeskanzler gewählt.

Konstruktives Misstrauensvotum Zum anderen kann nach Art. 67 Abs. 1 GG der Bundestag selbst einen amtierenden Bundeskanzler abwählen und gleichzeitig durch eine andere Person als Bundeskanzler ersetzen. Dieses Verfahren wird "Konstruktives Misstrauensvotum" genannt. Dafür muss nach §97 Abs. 1 Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages (GOBT) mindestens ein Viertel aller MdB oder eine Bundestagsfraktion, die mindestens ein Viertel aller MdB vertritt, einen Antrag in den Bundestag einbringen. Dieser Antrag muss nach §97 Abs. 1 GOBT insbesondere drei inhaltliche Punkte enthalten. Dies sind: 1) ein Hinweis auf das auszusprechende Misstrauen des Bundestags gegenüber dem amtierenden Bundeskanzler, 2) ein Vorschlag für einen konkreten Nachfolger im Amt des Bundeskanzlers durch Namensnennung und 3) das Ersuchen an den Bundespräsidenten, den amtierenden Bundeskanzler zu entlassen. Der Nachfolger ist gewählt, wenn die Mehrheit der MdB diesem Antrag mit "Ja" zustimmt.
Bisher hat es zwei Abstimmungen über ein konstruktives Misstrauensvotum gegeben, von denen in einer (1972 mit dem Kandidaten Barzel) der Kandidat scheiterte und in der anderen (1982 mit dem Kandidaten Kohl) der Kandidat gewählt wurde.

Vertrauensfrage Das Konstruktive Misstrauensvotum ist nicht identisch mit der sog. "Vertrauensfrage" nach Art. 68 GG. Bei der Vertrauensfrage stellt der Bundeskanzler dem Bundestag den Antrag, ihm das Vertrauen auszusprechen. Dieser Antrag kann mit weiteren inhaltlichen Anträgen verbunden werden, z.B. mit dem Antrag an den Bundestag, einem Auslandseinsatz der Bundeswehr zuzustimmen. Findet dieser Vertrauensantrag (oder ggf. der damit verbundene Antrag) nicht die Mehrheit der MdB, so kann der Bundespräsident auf Vorschlag des Bundeskanzlers binnen 21 Tagen den Bundestag auflösen. Der Bundeskanzler selbst bleibt jedoch trotz einer gescheiterten Vertrauensfrage im Amt. Für die Auflösung des Bundestags nach einer gescheiterten Vertrauensfrage ist außerdem nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfGE 62, 1 vom 16.2.1983) zusätzlich eine sog. "materielle Auflösungslage" erforderlich. Diese Lage ist nach dem Urteil gegeben, wenn es für den Bundeskanzler politisch "nicht mehr gewährleistet ist, mit den im Bundestag bestehenden Kräfteverhältnissen weiterzuregieren. Die politischen Kräfteverhältnisse im Bundestag müssen seine Handlungsfähigkeit so beeinträchtigen oder lähmen, daß er eine vom stetigen Vertrauen der Mehrheit getragene Politik nicht sinnvoll zu verfolgen vermag." Das Auflösungsrecht nach verlorener Vertrauensfrage erlischt außerdem, sobald der Bundestag durch ein separat in den Bundestag einzubringendes Konstruktives Misstrauensvotum (s.o.) einen Bundeskanzler wählt.
Bisher hat es 5 Abstimmungen über Vertrauensfragen gegeben. In 2 dieser Abstimmungen (gestellt 1982 von Helmut Schmidt und 2001 von Gerhard Schröder) sprach der Bundestag dem Bundeskanzler das Vertrauen aus. In den anderen 3 Abstimmungen (gestellt 1972 von Willy Brandt, 1982 von Helmut Kohl und 2005 von Gerhard Schröder) tat der Bundestag dies nicht und wurde danach aufgelöst. Vor allem nach den gescheiterten Vertrauensfragen von 1982 und 2005 wurden Zweifel an der Rechtmäßigkeit der folgenden Auflösung des Bundestags laut, weil vermutet wurde, dass die Ursache für das Scheitern der Vertrauensfragen nicht die Kräfteverhältnisse im Bundestag selbst waren.

Ergebnisse der Abstimmungen über die Wahl der Bundeskanzler und der Konstruktiven Misstrauensvoten
Datum Kandidat/in Unterstützt von Verfahren Ergebnisse Mandate der Unterstützer Differenz  
        Mitglieder Mehrheit Abgegeben Gültig Ungültig Ja Nein Enthaltung Insgesamt Im einzelnen    
15.09.1949 Konrad Adenauer F: CDU/CSU, FDP, DP; G: CDU/CSU A 402 202 389 388 1 202 142 44 209 139:52:17; 1 -7
09.10.1953 Konrad Adenauer F: CDU/CSU, FDP, GB/BHE, DP; A: Z A 484 244 467 467 0 305 148 14 336 244:48:27:15; 2 -31  
22.10.1957 Konrad Adenauer F: CDU/CSU, DP; G: CDU/CSU A 494 249 476 476 0 274 193 9 287 269:17; 1 -13
07.11.1961 Konrad Adenauer F: CDU/CSU, FDP A 499 250 490 490 0 258 206 26 309 242:67 -51  
16.10.1963 Ludwig Erhard F: CDU/CSU, FDP A 499 250 484 483 1 279 180 24 308 241:67 -29
20.10.1965 Ludwig Erhard F: CDU/CSU, FDP A 496 249 487 487 0 272 200 15 294 245:49 -22  
01.12.1966 Kurt-Georg Kiesinger F: CDU/CSU, SPD A 496 249 473 472 1 340 109 23 447 245:202 -107
21.10.1969 Willy Brandt F: SPD, FDP A 496 249 495 491 4 251 235 5 254 224:30 -3  
27.04.1972 Rainer Barzel F: CDU/CSU; A: FDP, Fraktionslose B 496 249 260 260 0 247 10 3 249 246; 2:1 -2
14.12.1972 Willy Brandt F: SPD, FDP A 496 249 493 492 1 269 223 0 271 230:41 -2  
16.05.1974 Helmut Schmidt F: SPD, FDP A 496 249 492 492 0 267 225 0 271 230:41 -4
15.12.1976 Helmut Schmidt F: SPD, FDP A 496 249 495 494 1 250 243 1 253 214:39 -3  
05.11.1980 Helmut Schmidt F: SPD, FDP A 497 249 491 490 1 266 22 2 271 218:53 -5
01.10.1982 Helmut Kohl F: CDU/CSU, FDP B 497 249 495 495 0 256 235 4 279 226:53 -23  
29.03.1983 Helmut Kohl F: CDU/CSU, FDP A 498 250 486 486 0 271 214 1 278 244:34 -7
11.03.1987 Helmut Kohl F: CDU/CSU, FDP A 497 249 487 484 3 253 225 6 269 223:46 -16  
17.01.1991 Helmut Kohl F: CDU/CSU, FDP A 662 332 644 644 0 378 257 9 398 319:79 -20
15.11.1994 Helmut Kohl F: CDU/CSU, FDP A 672 337 671 671 0 338 333 0 341 294:47 -3  
27.10.1998 Gerhard Schröder F: SPD, Bündnis 90/Die Grünen A 669 335 666 665 1 351 287 27 345 298:47 6
22.10.2002 Gerhard Schröder F: SPD, Bündnis 90/Die Grünen A 603 302 599 599 0 305 292 2 306 251:55 -1  
22.11.2005 Angela Merkel F: CDU/CSU, SPD A 614 308 612 611 1 397 202 12 448 226:222 -51
28.10.2009 Angela Merkel F: CDU/CSU, FDP A 622 312 612 612 0 323 285 4 332 239:93 -9  
17.12.2013 Angela Merkel F: CDU/CSU, SPD A 631 316 621 621 0 462 150 9 504 311:193 -42  

-Unterstützt von: Angabe der Fraktionen ("F"), Gäste von Fraktionen ("G") und Abgeordneten ("A"), die vor der Wahl die Unterstützung des Kandidaten/der Kandidatin ankündigten in der Reihenfolge ihrer jeweiligen Mandatsanzahl
-Mehrheit: Anzahl der für die Wahl des Kandidaten/der Kandidatin erforderlichen Ja-Stimmen
-Mandate der Unterstützer: Insgesamt: gesamte Mandatsanzahl aller den Kandidaten/die Kandidatin unterstützenden Fraktionen, Gäste und Abgeordneten; Im Einzelnen: Mandatsanzahlen der unterstützenden Fraktionen, Gäste und Abgeordneten im einzelnen in der Reihenfolge, in der sie in Spalte 3 erscheinen
-Differenz: Zahl der Ja-Stimmen abzüglich der gesamten Mandatsanzahl der Unterstützer; die positive Differenz bei der Wahl 1998 geht nach Hinweisen aus dem Plenarprotokoll auf Ja-Stimmen von Mitgliedern der PDS-Fraktion zurück.

Ergebnisse für die Berliner Abgeordneten 1949-1987
Datum Kandidat/in Unterstützt von Verfahren Ergebnis für die Berliner Abgeordneten 1949-1987 Mandate der Unterstützer Differenz
        Anzahl Abgegeben Ja Nein Enthaltung Insgesamt Im einzelnen  
15.09.1949 Konrad Adenauer F: CDU/CSU, FDP, DP; G: CDU/CSU A 8 - - - - 3 2:1:0; 0 -
09.10.1953 Konrad Adenauer F: CDU/CSU, FDP, GB/BHE, DP; A: Z A 22 22 11 11 0 11 6:5:0:0; 0 0
22.10.1957 Konrad Adenauer F: CDU/CSU, DP; G: CDU/CSU A 22 21 8 13 0 7 7:0; 0 1
07.11.1961 Konrad Adenauer F: CDU/CSU, FDP A 22 19 8 10 1 9 9:0 -1
16.10.1963 Ludwig Erhard F: CDU/CSU, FDP A 22 20 6 12 2 9 9:0 -3
20.10.1965 Ludwig Erhard F: CDU/CSU, FDP A 22 22 6 15 1 7 6:1 -1
01.12.1966 Kurt-Georg Kiesinger F: CDU/CSU, SPD A 22 22 16 3 3 21 6:15 -5
21.10.1969 Willy Brandt F: SPD, FDP A 22 22 14 8 0 15 13:1 0
27.04.1972 Rainer Barzel F: CDU/CSU; A: FDP, Fraktionslose B 22 11 10 1 0 10 10; 0:0 0
14.12.1972 Willy Brandt F: SPD, FDP A 22 22 13 9 0 13 12:1 0
16.05.1974 Helmut Schmidt F: SPD, FDP A 22 22 13 9 0 13 12:1 0
15.12.1976 Helmut Schmidt F: SPD, FDP A 22 22 11 11 0 11 10:1 0
05.11.1980 Helmut Schmidt F: SPD, FDP A 22 22 11 11 0 11 10:1 0
01.10.1982 Helmut Kohl F: CDU/CSU, FDP B 22 21 11 10 0 12 11:1 -1
29.03.1983 Helmut Kohl F: CDU/CSU, FDP A 22 21 11 10 0 12 11:1 -1
11.03.1987 Helmut Kohl F: CDU/CSU, FDP A 22 21 13 8 0 13 11:2 0

Die Stimmen der Berliner Abgeordneten wurden während der deutschen Teilung bei den Wahlen des Bundeskanzlers zwar (separat) gezählt. Sie wurden aber für das Ergebnis dieser Wahlen nicht gewertet. Daher sind sie hier getrennt angegeben.

1949: Die Berliner Abgeordneten nahmen an der Abstimmung nicht teil.

Anzahl: Anzahl der Berliner Abgeordneten insgesamt
Abgegeben: Anzahl der abgegebenen Stimmen der Berliner Abgeordneten insgesamt

Quellenverzeichnis
-Ergebnisse:
1949: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 1/3 vom 15.9.1949, S.13-14.
1953: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 2/2 vom 9.10.1953, S.7-8.
1957: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 3/2 vom 22.10.1957, S.13-14.
1961: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 4/2 vom 7.11.1961, S.9-10.
1963: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 4/87 vom 16.10.1963, S.4171.
1965: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 5/2 vom 20.10.1965, S.7.
1966: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 5/77 vom 1.12.1966, S.3539-3540.
1969: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 6/2 vom 21.10.1969, S.7-8.
1972/I: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 6/183 vom 27.4.1972, S.10714.
1972/II: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 7/2 vom 14.12.1972, S.13-14.
1974: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 7/97 vom 16.5.1974, S.6545-6546.
1976: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 8/2 vom 15.12.1976, S.14.
1980: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 9/2 vom 5.11.1980, S.11-12.
1982: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 9/118 vom 1.10.1982, S.7201.
1983: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 10/2 vom 29.3.1983, S.25-26.
1987: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 11/2 vom 11.3.1987, S. 28.
1991: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 12/3 vom 17.1.1991, S.45-46.
1994: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 13/2 vom 15.11.1994, S.23-24.
1998: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 14/2 vom 27.10.1998, S.38.
2002: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 15/2 vom 22.10.2002, S.28.
2005: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 16/3 vom 22.11.2005, S.66.
2009: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 17/2 vom 28.10.2009, S.20.
2013: Bundestag.de; eingesehen am 17.12.2013
-Angaben zur Anzahl der Unterstützer:
Eigene Berechnungen aufgrund der Angaben auf dieser Webseite und in: Schindler, Peter (Bearb.) 1999: Datenhandbuch zur Geschichte des Deutschen Bundestages: 1949 bis 1999. Bd. 1. S.907-933.

Abkürzungsverzeichnis
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Zuletzt aktualisiert: 17.12.2013
Valentin Schröder
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